Neun Monate lang trug die junge Frau das kleine Wesen unter ihrem Herzen. Was anfangs nur rein platonisch war, wurde ernst. Vierzig Wochen waren vergangen, und sie war auf dem Weg in den Kreißsaal. Links und rechts neben ihr stand jeweils ein Mann. Hinter ihnen ein kleines Mädchen, das nicht verstand, was gerade geschah – oder doch? Dies schien am 31. Oktober 1997 nicht wichtig. Ichiro und Riccardo würden ihr erstes gemeinsames Kind bekommen, die kleine Familie perfekt machen.
Schreie erfüllten den Raum, mehrere Stunden lang, bevor sie verstummten und durch ein schrilles Kreischen ersetzt wurden. So erblickte Leonardo am 1. September das Licht der Welt. Eine Minute lang durfte die junge Mutter ihren Sohn im Arm halten, ehe er ihr abgenommen und hinausgebracht wurde. Sie hob die Hand, doch sie wusste, sie konnte nichts tun. Sie hatte keine Rechte an ihm.
Zwischen Neonlichtern, lauter Musik und alkoholisierten Menschen wuchs Leonardo auf. Zwei Welten: betrügerische Nächte, strenge Eltern und eine strenge Erziehung. Nächte auf einer VIP-Bank, Nächte allein mit seiner Schwester zu Hause, gute Noten und Disziplin.
Leonardos Kindheit war nicht wie die jedes anderen Kindes. Als Einzelgänger in der Schule gehörte er nicht dazu. Als zappeliger, energiegeladener Junge war er manchmal nur der Pausenclown. Nur ein, zwei Freunde und seine Stiefschwester, die immer für ihn da waren. Bei seiner ADHS-Diagnose, den ersten Medikamenten, bei jeder Zeichnung. Er konnte immer auf sie zählen. Vertrauen finden durch sie. Erfahren, dass es neben dem Clubleben auch noch etwas anderes gab: Wahrheit.
Bei jedem Wutanfall, bei jeder Unruhe, bei jeder Unsicherheit trug Leo alles in sich selbst aus. Er war gerade fünfzehn Jahre alt. Die Lichter des Clubs waren gedimmt. Nicht aus. Die Türen geschlossen, und doch hörte man Männer, die laut stritten. Leo hatte sich an sein Notizbuch gewandt und zeichnete mit harten Linien etwas, das kein Mensch sein konnte. Es war ein Tier, ein Löwe – gefährlich, wütend. Wie die Situation, in der er sich mit seinen beiden Vätern befand.
Das Zersplittern von Glas war das Einzige, das ihn aus dem Zeichnen riss. Er sah auf und entdeckte Menschen, die mit Waffen aufeinander zielten und sich lauthals anschrien. Angst schoss ihm durch den Körper, Wut folgte dicht dahinter. Jemand stieß gegen einen Tisch, eine Flasche fiel um, rollte über den Boden. Ein greller Knall – dann Feuer. Alkohol, ein offenes Kabel, Sekunden der Unachtsamkeit. Flammen fraßen sich über Möbel und Fußboden, während die Schreie lauter wurden.
Eine Nacht, die seine Neugier danach für immer reduzierte. Es kam niemand wirklich zu Schaden, doch die Verbrennungen auf der Haut seiner Eltern waren genug, um ihn dazu zu bringen, Disziplin aufzubauen. Er begann mit Training: einmal in der Woche, zweimal in der Woche, dreimal in der Woche. Erst die Kräfte, dann der Körper. Es war eine Kompensation, eine Erleichterung, etwas, das ihm – neben dem Zeichnen – Ruhe gab in seinem immer denkenden Kopf.
Mit achtzehn fing er an, sich zu tätowieren und auch zu piercen. Was erst gegen den Strich seiner Väter ging, wurde zur Normalität. Bilder wurden von temporär zur Ewigkeit. Erst bei seinen Freunden, dann bei anderen Menschen. Ja, sogar seine Schwester trug ein Tattoo von ihm. Er baute sich über die Jahre ein Geschäft auf. Doch an erster Stelle stand für ihn immer die Schule. Er machte einen Abschluss, studierte jedoch nie. Während seine Bekanntheit in der Branche wuchs, veränderte er sich kaum. Mit jedem Tag wurde er dunkler, verschlossener, distanzierter. Was vollends passierte als seien Schwester nach Taylor Falls zog. Er hielt seine Grenzen ein, half aber auch Frauen und Kellnern im Club, die seine Hilfe brauchten. Auch die Türsteher waren ab und zu froh, wenn er da war und aushalf.
Sein Leben von zwanzig bis achtundzwanzig war nach außen hin unspektakulär, und doch lernte Leonardo in diesen Jahren mehr als je zuvor. Er lernte, wann man schweigt. Er hörte Gespräche, die nicht für ihn bestimmt waren, sah Gesichter, die er nicht wiedersehen wollte, und tätowierte Geschichten, die niemand je erzählen würde. Narben wurden überstochen, Namen vergessen, Geld wechselte den Besitzer, ohne gezählt zu werden.
Er blieb am Rand. Immer nah genug, um zu wissen, wann es gefährlich wurde, aber weit genug entfernt, um nicht hineingezogen zu werden. Man bot ihm Dinge an, die er ablehnte, und Gefallen, die er nicht einforderte. Jedes Nein kostete ihn Schutz, Ruhe oder Vertrauen, doch es hielt ihn sauber – im wörtlichen Sinn.
Disziplin wurde zu seinem Anker. Training, Zeichnen, Arbeiten bis in die Nacht. Alkohol und Drogen waren allgegenwärtig, doch er rührte nichts davon an. Er beobachtete, wie andere daran zerfielen, und wusste, wie schnell Kontrolle verloren ging. Wenn sein Kopf zu laut wurde, zwang er den Körper zur Ruhe, nicht zur Flucht.
Nähe blieb flüchtig. Menschen kamen und gingen, Nächte blieben ohne Namen. Wer blieb, kam ihm zu nah, und wer ging, hinterließ nichts. Nur seine Schwester war konstant, auch wenn selbst sie spürte, wie er sich Stück für Stück zurückzog.
Manchmal fragte er sich, wie viel er schon gesehen hatte, ohne Teil davon geworden zu sein. Einmal erkannte er ein Tattoo in einer Geschichte wieder, die in den falschen Kreisen kursierte. Er stellte keine Fragen. In dieser Nacht verließ er den Club früher als sonst. Es war der Moment, in dem ihm klar wurde, dass Unsichtbarkeit eine Illusion war.
Er mogelte sich weiter durch sein Leben, suchte nach etwas, das er nicht benennen konnte, und hielt Abstand zu allem, was ihn zu sehr anziehen wollte. Was ihm fehlte, fand er nicht – aber er lernte, mit dieser Leere zu leben.