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Ich war die letzten Tage nicht in der Schule gewesen, der Hausbrand hatte mein Leben komplett auf den Kopf gestellt. Neue Unterkunft, neues Zimmer, plötzlich wohnte ich bei Delilah, die schon ewig wie eine große Schwester für mich war. Alles zusammen war ich nicht mehr das kleine verträumte Mädchen, das ich noch letzte Woche gewesen war. Alles war plötzlich anders, und ich hatte das Gefühl, dass ich mich selbst erst wiederfinden musste. Umso besser war es, dass ich noch Freunde hatte, die mir halfen, nicht völlig den Boden unter den Füßen zu verlieren.
Zum Beispiel Amalia. Sie war 18, studierte BWL und kam aus Skandinavien. Bei ihr machte ich meistens meinen Kopf aus und genoss einfach ihre Anwesenheit. Spielen, Spaß haben, Quatsch machen, das konnte ich nur mit Amalia. Sie hatte diese Art, mich zum Lachen zu bringen, selbst wenn mir eigentlich gar nicht danach war. Vor allem aber gingen wir oft reiten, sie hatte ein eigenes Pferd. Wenn wir im Schritt durch den Wald ritten oder im Galopp über die Felder flogen, fühlte ich mich für ein paar Minuten frei von allem, was mich belastete. Als würde der Wind die Sorgen einfach mitnehmen.
Lydia hingegen war etwas anders. Sie war diejenige, die ich fragte, wenn ich etwas für die Schule brauchte. Da konnte sie mir fast immer helfen. Kennengelernt hatte ich sie über Amalia. Die beiden hatten zwar unterschiedliche Studienfächer, aber in der Mensa begegneten sie sich garantiert öfter, wenn nicht sogar auf dem Campushof. Lydia war ruhiger, ernster, aber auf eine angenehme Art. Sie strahlte etwas aus, das mich beruhigte, so als hätte sie immer einen Plan, selbst wenn ich keinen hatte.
Heute stand aber etwas an, das mich nicht nur interessieren würde, sondern mich vielleicht auch ein wenig entspannen könnte. Eine Lesung zum Thema Astronomie. Seit ich denken konnte, wollte ich Astronautin werden. Sterne, Planeten, Raumfahrt — all das faszinierte mich schon immer. Und jetzt, wo mein Leben so durcheinander geraten war, fühlte sich dieser Traum fast noch wichtiger an. Etwas, das mir niemand nehmen konnte.
Externe Zuhörer waren nur erlaubt, wenn ein Student von der Uni sie begleitete, daher hatte ich Lydia darum gebeten, mitzukommen. Amalia hatte anderweitig Pflichten. Zum Glück hatte Lydia zugesagt. Ich war ihr dankbar, auch wenn ich es nicht laut gesagt hatte. Es tat gut zu wissen, dass jemand bereit war, Zeit für mich zu investieren, obwohl ich mich selbst gerade kaum sortieren konnte.
Als wir uns auf dem Campus trafen fühlte ich mich sofofrt ein Stück ein besser. Nicht allein zu sein war mir aktuell sehr wichtig. "Hi Lydia, danke dass du das für mich machst. Bis schon gespannt um welches Thema genau es geht, das konnte ich nämlich auf der Homepage nicht herausfinden" sagte ich und betrat mit ihr den Hörsaal. "Ich möchte irgendwo sitzen wo ich alles mitbekomme. Hab sogar was zum schreiben dabei, falls ich mitschreiben will" sagte ich und guckte mich nach freien Plätzen um.
@Lydia Harrington